Susanna Conti
Germano Proverbio

Latein und Textlinguistik*

Aus dem Italienischen übersetzt und deutsch herausgegeben
von Helmut Schareika

* Susanna Conti faßt in diesem Artikel die theoretischen und methodologischen Prämissen zusammen, auf die sie sich bei der Durchführung einer breit angelegten Untersuchung über die Wortstellung im Lateinischen bezogen hat. Die Ansicht, die in der SOV (Subjekt-Objekt-Verb)-Folge die kanonische Ordnung des lateinischen Satzes erkannte, indem sie sich auf die statistisch erhobene Häufigkeit stützte, wird im Licht von Prinzipien zur Diskussion gestellt, die den Gegebenheiten des Satzes im Äußerungskontext entsprechen, d. h. den Regeln unterworfen, die Kohärenz und Kohäsion eines Textes bestimmen. Die Frage der Wortstellung stellt sich insofern nicht mehr als Problem des Satzes, sondern wird zu einem Problem des Textes. – Daß ich die Untersuchung in ihren verschiedenen Phasen verfolgen konnte, hat mir Gelegenheit gegeben, die Schlußfolgerungen, zu denen wir gelangt sind, zu teilen, und erlaubt mir nun, mich der Vorstellung dieser Arbeit anzuschließen.

Germano Proverbio

Der folgende Beitrag stellt mit seinem Thema und der dafür unumgänglichen Darstellungsweise und Fachsprache sicher nicht geringe Anforderungen. Dennoch schien es lohnend, ihn im Zusammenhang dieses Heftes zu präsentieren. Denn zum einen wird darin Neues für die Beschreibung der lateinischen Sprache und Grammatik geleistet, vor allem aber könnten die so gewonnenen Befunde einen neuen, weiteren Schlüssel für das Verständnis der Texte auch im Lateinunterricht bereitstellen.

Der Beitrag versucht, die Regeln der lateinischen Wortstellung nach textlinguistischen Kategorien zu diskutieren. Er bezieht die Verteilung bekannter Informationen („Thema“) und neuer Informationen („Rhema“) in Satz und Satzsequenzen (Texten) auf die grammatischen Möglichkeiten des Lateinischen; daran wird deutlich, daß man diese Möglichkeiten wieder auf die Möglichkeiten der Grammatik der Zielsprache der Übersetzung beziehen muß, wenn ein Verstehen der Intention des lateinischen Sprechers zustande kommen soll. Lateinischer Sprachunterricht ist damit eo ipso Unterricht in der Grammatik auch der Zielsprache, der Begriff der Grammatik erfährt eine kommunikations- und übersetzungsorientierte Erweiterung und ist so vielleicht besser geeignet, das Verstehen der fremden Texte zu fundieren. – Daß die Präsentation dieses Beitrags gleichzeitig einen Blick in die Diskussion unter den Fachkollegen Italiens gewährt, ist sicher ein willkommener Aspekt.

Helmut Schareika

Die Linguistik hat in den letzten Jahren eine Entwicklung erfahren, die vom Studium des Satzes zum Studium des Textes geführt hat, Text nach Hartmann (1964:15-25) verstanden als „ursprüngliches sprachliches Zeichen“, das in Äußerungen realisiert wird, die ihrerseits durch prosodische, grammatikalische und lexikalische Relationen verbunden sind. Diese Relationen sind von der Art, daß sie einen logischen Zusammenhang in der Verteilung der Informationen begründen und Phänomene beeinflussen, wenn nicht bestimmen, die nur scheinbar weniger festgelegt sind. Zum Beispiel wird im Lateinischen die Wahl der Wortstellung in einer Äußerung bzw. im Text (die man als freier ansieht als im Italienischen)1 wenigstens teilweise von den innertextlichen Relationen bestimmt.

Wir wollen im folgenden einige dieser Phänomene an einem ausreichend großen Textabschnitt, dem 8. Buch der Naturalis Historia2 von Plinius d. Ä. untersuchen; es scheint für unseren Zweck geeignet, weil wir in ihm die referentielle Funktion3 der Sprache als vorherrschend ansehen können. Ein Text nämlich, in dem die poetische Funktion dominant wäre, würde die Feststellung der „normalen“ Leistung der innertextlichen Relationen insoweit erschweren, als für die poetische Funktion der „Ausschluß“ sprachlicher Gebrauchsnormen charakteristisch ist, um zusätzliche Nachrichten zu realisieren.

1 Die Spitzenstellung des Themas: Topikalisierung

Über die Wertigkeit der Sätze, die einen Text konstituieren, und über ihre Beziehungen zueinander heißt es insbesondere, daß nur der Schlußsatz keine „neuen“ Elemente einführt, d. h. solche, die in jeweils folgenden Aussagen behandelt und entwickelt werden müssen. Er ist im übrigen in seinem Sinn von all den Elementen abhängig, die zuvor eingeführt wurden. Entsprechend ist der Eingangssatz eines Textes nicht autonom, sondern hängt sowohl von kontextuellen4 Präsuppositionen wie von den Elementen ab, die in den darauf folgenden Aussagen eingeführt werden.

Die Sätze dazwischen verweisen jeweils entweder auf vorhergehende oder auf folgende Informationen: die Verteilung der Informationen in den Aussagen wirkt bei der Themaentwicklung des Textes mit und bildet einen der Mechanismen, die seine Kohärenz bestimmen. „Alle Sprachen, soweit sie Mittel der Kommunikation sind, müssen etwas (Rhema) von etwas anderem (Thema) in irgendeiner auf der Ebene des Diskurses (oder Textes) eingeführten Weise sagen können…“ (Ravazzoli 1979: 27, Hervorhebungen von uns). Das Thema-Rhema-Paar unterscheidet sich vom Paar Gegebenes-Neues, das auf einem Kriterium der Information beruht: Das Thema ist der Träger der Nachricht in Satzgestalt, das Rhema ist der Körper der Nachricht; das Gegebene fällt mit dem zusammen, was dem Empfänger bekannt ist, das Neue besteht in der tatsächlich mitgeteilten Information. „… Rhema und Neues scheinen teilweise deckungsgleich, indem das erste an die Satzstruktur“ (den Satzgehalt) „gebunden ist, im Unterschied zum Gegebenen, das von den Satzelementen unabhängig ist.“ Diese Relationen können zwar auch für isolierte Sätze zutreffend sein, doch ihre satzübergreifende Natur verlangt eine textbezogene Behandlung (vgl. Mortara Garavelli 1974: 58).

Beschränken wir uns für den Augenblick darauf, das Thema im Satz ohne Berücksichtigung des Ko-textes zu prüfen: das Thema oder topic5 ist dasjenige Element, das die Funktion besitzt, den räumlichen, zeitlichen oder personalen Rahmen (framework) festzulegen, innerhalb dessen die Hauptprädikation angesiedelt ist (vgl. Chafe 1976:50) und der vom Ko-text oder Kontext abgeleitet werden kann (vgl. Firbas 1966). Die Position des Themas wird in allen Sprachen (außer durch eventuelle morphologische Mittel) durch die Stellung deutlich gemacht: Das Thema besetzt gewöhnlich die erste Stelle in der Äußerung und geht normalerweise dem Rhema voraus. Wir verstehen unter Topikalisierung (Spitzenstellung des Themas) nach dieser Annahme die Verschiebung einer Satzkonstituente an die Eingangsposition des Satzes, ohne daß dafür der Satz selbst morphologische oder syntaktische Änderungen erfahren muß.

Ganz offensichtlich haben verschiedene Sprachen einen unterschiedlichen Grad der Flexibilität bei der so verstandenen Topikalisierung. Das Lateinische beispielsweise ist viel flexibler als das Italienische, wenngleich in beiden Sprachen das syntaktische Subjekt und das die Funktion des Agens ausdrückende Element normalerweise der thematischen Spitzenstellung zugänglicher sind als andere. In der Tat erfreut sich im Lateinischen dank der Kasusmarkierungen das Wort einer gewissen Freiheit der Stellung. Im folgenden Satz

Tigrim Hyrcani et Indi ferunt (Plin. NH 8,25)

wird das Objekt nur durch eine Verschiebung der Elemente topikalisiert, ohne daß dadurch gleichzeitig syntaktische Änderung bewirkt wird. Das Objekt bleibt im Akkusativ ausgedrückt, das Subjekt im Nominativ, und der Verbalvorgang erscheint in der aktiven Diathese. In einer Sprache mit syntaktisch festerer Wortstellung, wie es das Italienische ist, müßte man für eine wörtliche Übersetzung von Plinius’ Satz, wenn man die syntaktische Struktur beibehalten will, das Objekt von der Themaposition verschieben („I territori degli Ircani e degli Indi producono la tigre“); man könnte aber auch das Thema in Themaposition belassen (wie im lateinischen Satz) und die aktive Diathese beibehalten, dafür jedoch ein anaphorisches Pronomen einführen; allerdings ist die sich dabei ergebende Konstruktion im Italienischen charakteristisch für das gesprochene Register und nur gelegentlich in der geschriebenen Sprache akzeptiert („La tigre, la producono i territori degli Ircani e degli Indi“). Eine weitere Möglichkeit besteht darin, das im Lateinischen im Akkusativ ausgedrückte Lexem in Themaposition zu belassen und aus ihm das grammatische Subjekt einer Passivkonstruktion zu machen („La tigre è prodotta dai territori degli Ircani e degli Indi“).6 Die relative syntaktische Freiheit der Wortstellung im Lateinischen drückt sich in größerer Mühelosigkeit der Topikalisierung aus. Ist das System des Italienischen insoweit ökonomischer, als die feste Position der Wörter die Kasusmarkierungen unnötig macht, so gilt umgekehrt hinsichtlich der Thema-Rhema-Gliederung, daß hier das lateinische System ökonomischer ist: die flexible Struktur dieser Sprache läßt einen Vorteil in höherer Leistungsfähigkeit für die Strukturierung der Nachricht erkennen. Das trägt unter anderem dazu bei, daß im Lateinischen der Gebrauch des Passivs noch geringer ist als im Italienischen und mehr dem sprachlichen Bedürfnis der Agens-Tilgung entspricht als der sprachlichen Präzisierung der Thema-Wahl.

Prüfen wir jetzt aus der Sicht der Gliederung von Thema-Rhema und Gegebenem-Neuem den Eingangssatz des achten Buches des Plinius:

Ad reliqua transeamus animalia et primum terrestria (NH 8,1).

Reliqua ist nicht vollständig „neu“, denn es impliziert ein vorhergehendes Element, hinsichtlich dessen der Wechsel eintritt, dessen semantisches Merkmal das Wort enthält. Es gehört nämlich zusammen mit animalia zum Thema-Teil des Satzes; das Adjektiv ist nur hervorgehoben, weil mit ihm eine Änderung in der thematischen Entwicklung des Textes angezeigt wird: bis zu diesem Augenblick wurde von bestimmten Tieren gesprochen, die anderen Tiere sind Gegenstand des achten Buches. Das wirklich informative Element ist vielmehr terre stria: dieses ist nämlich ganz neu im Text und bildet das Rhema des Satzes. Ad reliqua … animalia ist, in anderen Worten, der Titel des Teils von Plinius’ Arbeit, der in diesem Augenblick beginnt und den das Rhema (terrestria) weiter spezifiziert; ist das Rhema einmal vom Empfänger aufgenommen und somit bekannt, übernimmt es die Funktion eines Untertitels des Buches. Ad reliqua… animalia weist daher einerseits auf die Vorinformation, andererseits weist reliqua kataphorisch auf die Nachinformation und erweckt eine Erwartungshaltung, die für den Augenblick mit der Aussage terrestria befriedigt wird. Es ist besonders diese sowohl anaphorische als auch kataphorische Natur von reliqua, die zu seiner Hervorhebung führt (Emphase durch Disjunktion, vgl. Marouzeau 1922, passim). An diesem Punkt stellt sich das Problem, die Bedingungen zu definieren, die die Thema-Wahl nicht im ent-kotextualisierten Satz, sondern im Text bestimmen.

2 Die thematische Progression. Der Gegenstand der Rede

Wenn es richtig ist, daß im lateinischen Satz praktisch jedes Element topikalisiert werden kann, muß man sich in jedem Fall fragen, was die Thema-Wahl nicht nur in der einzelnen Äußerung, sondern in der thematischen Entwicklung beeinflußt, d. h. wenn Sequenzen von Äußerungen einen Text konstituieren. „ … Wenn man den Aufbau des Textes betrachtet, so muß man dem Thema den Hauptanteil daran zuweisen, daß eine Geschlossenheit des Redegegenstandes bewirkt wird. Dieser besteht aus einer Verkettung hierarchisierter Themen“ (Mortara Garavelli 1979: 107).

Das bedeutet: Wenn die Thema-Wahl im Satz (besonders im Lateinischen als flektierender Sprache) keinen absoluten Restriktionen syntaktischer oder semantischer Natur unterliegt, so ist sie vollständig in der Konstruktion des Textes festgelegt, denn das Thema jeder Äußerung muß eine Beziehung zu den Elementen aufweisen, die dem Ko-text oder dem Kontext vorangehen. Im Bereich der Funktionalen Satzperspektive hat F. Daneš (vgl. Daneš 1976 = 1978: 190-191) die thematische Progression (d. h. die Abfolge der Schritte, in denen sich die thematische Entwicklung vollzieht und die der Linearität der Darstellung entspricht) verstanden als „Gesamtheit der thematischen Beziehung innerhalb eines Textes, als Gerüst des Textes“ (Mortara Garavelli 1979:107). Er klassifiziert die Arten der thematischen Progression nach drei Kriterien:

  • Das thematisierte Element kann sein: ein Rhema, ein Thema, eine Thema-Rhema-Sequenz, d. h. eine ganze Äußerung), oder aber auch eine Folge von Äußerungen, d. h. ein Intervall;

  • das thematisierte Element kann wiederholt oder abgeleitet werden;

  • schließlich kann das thematisierte Element unmittelbar vorhergehen (Thematisierung im Kontakt) oder von weiter hergeholt werden (Thematisierung in Distanz).

Auf diesen Kriterien fußt eine Klassifikation, die wir an Textabschnitten aus Plinius exemplifizieren. Nach Daneš existieren fünf Typen thematischer Progression 1. Grades:

(1) Thematisierung eines Rhemas

a) im Kontakt (einfache lineare Progression): hier stellt das Element, das das Thema der betreffenden Äußerung bildet, das Rhema der unmittelbar vorhergehenden Äußerung dar:

Leonum duo genera: compactile et breve crispioribus iubis. HOS pavidiores esse quam longo simplicique villo. (NH 8,18)

Leonum animi index cauda, sicut et equorum aures. Namque et HAS NOTAS generosissimo cuique natura tribuit. (NH 8,19)

Nec hoc contentus, aliud haud mitius debellat animal. CROCODILUM habet Nilus, quadripes malum et terra pariter ac flumine infestum. (NH 8,36, 37)

b) in Distanz: hier bildet das thematisierte Element das Rhema einer früheren, jedoch nicht unmittelbar vorhergehenden Äußerung:

Mutat colores et Scytharum TARANDRUS nec aliud ex his quae pilo vestiuntur, nisi in Indis lycaon, cui iubata traditur cervix. Nam thoes – luporum id genus est procerius longitudine, brevitate crurum dissimile, velox saltu, venatu vivens, innocuum homini – habitum, non colorem mutant, per hiemes hirti, aestate nudi. TARANDRO magnitudo quae bovi est, caput maius cervino nec absimile, cornua ramosa, ungulae bifidae, villus magnitudine ursorum sed, cum libuit sui coloris esse, asini similis. (NH 8,52)

Lana autem laudatissima Apula et quae in Italia Graeci pecoris appellatur, alibi Italica; tertium locum Milesiae oves obtinent. APULAE breves villo ne nisi paenulis célèbres, circa Tarentum Canusiumque summam nobilitatem habent; in Asia vero eodem genere Laudiceae. (NH 8,73)

(2) Wiederholung (einfach oder mehrfach) eines Themas oder thematische Progression mit fortlaufendem Thema

a) im Kontakt:

Crocodilum habet Nilus, quadripes malum et terra pariter ac flumine infestum. UNUM HOC ANIMAL TERRESTRE linguae usu caret, UNUM superiore mobili maxilla imprimit morsum, alias terribile pectinatim stipante se dentium serie. (NH 8,37)

Lacertae inimicissimum genus cocleis, negantur semenstrem vitam excedere. Lacerti Arabiae cubitales, in Indiae vero Nyso monte XXIII in longitudinem pedum, colore fulvi aut punicei aut caerulei. (NH 8,60)

b) in Distanz: dieser Typ der Progression ist in Plinius typisch. Wenn er über eine Tierart zu sprechen beginnt, thematisiert er sehr häufig sofort ihren Namen; dasselbe Phänomen zeigt sich in etlichen Abschnitten, die dem folgen, in dem der neue Gegenstand eingeführt wurde:

Leoni praecipua generositas tune cum colla armosque vestiunt iubae… LEONUM duo genera, compactile et breve crispioribus iubis … LEONI tantum ex feris dementia in supplices … LEONUM animi index cauda sicut et equorum aures LEONUM simul PLURIUM pugnam Romae princeps dedit Scaevola p. f. in curuli aedilitate. (NH 8,17-20; vgl. auch NH 8,1-12, wo von den Elefanten gehandelt wird.)

(3) Thematisierung einer Äußerung

a) im Kontakt:

Praedam ipsi in se expetendam sciunt solam esse in armis suis, quae Iuba cornua appellat, Herodotus tanto antiquior et consuetudo melius, dentes. QUAM OB REM deciduos casu aliquo vel senecta defodiunt. (NH 8,4)

b) in Distanz: [s. u. 4.]

(4) Thematisierung eines Intervalls (oder thematische Progression mit umfassendem Thema)

Dieser und der vorausgehende Subtyp 3b sind im Werk des Plinius selten, und wir haben dafür im Bereich des achten Buches keine Beispiele gefunden. Die Tatsache, daß sie hingegen im narrativen Stil ziemlich häufig und leistungsfähig sind (z. B. bei Caesar), läßt vermuten, daß verschiedene Subcodes der Sprache bestimmte Typen der Thematisierung häufiger benutzen als andere. Die beiden letzten sehen so aus, daß entweder an einen zuvor dargelegten Sachverhalt erinnert wird wie im folgenden Satz:

QUOD postquam Scipio quique cum eo erant cognoverunt… (b. Afr. 57),

wo das quod sich auf die in den vorangehenden Kapiteln erzählten Sachverhalte bezieht, oder daß die gesamte Reihe von Ereignissen, Situationen, Bedingungen wiederaufgenommen wird, die in den der betreffenden Äußerung vorangehenden Passagen dargelegt wurden; dabei erhalten diese Sachverhalte für die Äußerung selbst die Funktion etwa eines kausalen oder temporalen Rahmens. Z. B. wird in Caesar B. G. 1,40 eine Rede des Feldherrn wiedergegeben, in der er Vorwürfe an den Kriegsrat und die Zenturionen richtet. Das folgende Kapitel wird eröffnet mit Hac oratione habita ….

Zu diesem Typ gehört ein großer Teil der Ablativi absoluti oder der mit cum eingeführten Sätze, die, was naheliegt, weit öfter in Erzählungen von Ereignissen gebraucht werden als in einer Textsorte, in der die referentielle Funktion der Sprache im eigentlichen Sinne dominiert wie in dem Buch des Plinius.

(5) Thematische Progression mit abgeleitetem Thema

Hierbei ist das Thema der Äußerung von einem Hyperthema abgeleitet.

Das Hyperthema des achten Buches ist, wie zu sehen war, reliqua ammalia (primum terrestria). Viele der Kapitel, in denen Plinius auf eine neue Tierart zu sprechen kommt, weisen charakteristischerweise die Topikalisierung desjenigen Elementes auf, das ihren Gegenstand bildet; aufgrund seiner Semantik erfüllt es so gewissermaßen die Funktion eines Titels. In diesen Fällen ist das topikalisierte Element weder für sich „gegeben“ noch dem Empfänger kontextuell bekannt. Doch scheint es, daß Plinius es als von seilen des Lesers aus identifizierbar ansieht. Tatsächlich sind die sogenannten existentiellen Äußerungen selten, wie z. B. Est in Hispania, sed maxime Corsica, non absimile pecori genus musmonum… (NH 8,75), die besonders dazu dienen, ein neues Individuum oder eine neue Entität in das Redeganze einzuführen, um sie dann als bekannt anzunehmen. Daß der Referent des Themas (das, worauf der Begriff verweist) identifiziert werden kann, ergibt sich aus der Tatsache, daß jedes einzelne neue Thema vom Hyperthema animalia terrestria abgeleitet wird: das Wissen um das Thema wird als impliziert oder als durch den Empfänger deduzierbar angesehen.

Man sehe sich im achten Buch die Themata der Äußerungen an, die folgende Kapitel eröffnen: 5, 11 (Elephanti), 15 (Ceterorum animalium), 17, 42 (LEONI praecipua generositas), 23 (Panthera et tigris), 26 (Camelos), 27,69 (Nabun), 30 (Lyncas), 35 (Quod ad serpentes aitine t, wo die Hervorhebung des Themas auch syntaktisch realisiert wird), 37 (Crocodilum), 44 (Hyaenis), 48 (Ranae), 50 (Cervis), 53 (Hystrices), 60 (Laceratae), 68 (Asinum), 70 (Bubus Indicis), 76 (Caprae), 80 (Simiarum quoque genera), 81 (Et leporum).

Diese letzte Beobachtung erlaubt es, eine weitergehende Betrachtung anzustellen. Die Thema-Struktur der Äußerungen macht es möglich, ihre Verknüpfungen zu erkennen und „… liefert die notwendige Grundlage, um zu bestimmen, ob gewisse semantische Beziehungen zwischen den Wörtern Faktor der Textkohäsion sind. Jedoch darf man nicht glauben, man könne, um das Textthema auszumachen, mit denselben Kriterien arbeiten, die für die einzelnen Äußerungen gelten“ (Mortara Garavelli 1979: 122). Mit anderen Worten: die Vorstellung vom Gesamtthema des Diskurses bleibt noch sehr vage. In jedem Falle sind wir vor dem Text (bzw. Textabschnitt) des Plinius in einer privilegierten Situation, privilegiert dank der Anordnung der Wörter in den Einzeläußerungen und, allgemeiner, auch im Gesamtverlauf des Buches. Indem Plinius nämlich von Mal zu Mal das Lexem topikalisiert, das den zu behandelnden Gegenstand angibt, erlaubt er uns, „die begrifflichen Kerne in der Rede zu isolieren“ und sie zu ordnen „nach dem System der logisch-semantischen Abhängigkeiten, die in … einem kohärenten Diskurs auffindlich sind“ (Mortara Garavelli 1979: 122), um so eine hierarchische Ordnung zu erhalten.

Plinius’ Gesamtthema organisiert die begriffliche Struktur der Äußerungssequenzen in hierarchischer Weise: genau dies stellt das dafür nötige Merkmal dar (vgl. van Dijk 1977: 133-134). Das thematisierte Element im ersten Satz, ad reliqua … animalia = terrestria, konstituiert nämlich das Thema des Textes, gerade weil es alle Gegenstände (Themata) umfaßt, die im folgenden behandelt werden. Plinius hat es so verstanden, durch die Wortstellung, und das heißt durch die Anfangsstellung in den Einzeläußerungen, das Text-Thema (als „Unterthema“ deutlich gemacht) und ebenso einen gut Teil der Themata der einzelnen Kapitel expliziert zu machen. Anscheinend hat der Autor die Textstruktur des Buches hervorheben wollen:

ad reliqua (… animalia) ist der Titel, deutlich durch seine absolute Anfangsstellung in der Äußerung und im gesamten Text; terrestria ist der Untertitel, der ebenfalls kataphorische Bedeutung besitzt (vgl. Weinrich 1971-1977) und die Endstellung in der Eingangsäußerung des Textes einnimmt. (Dies ergibt sich nach dem sog. end-weight-Prinzip, dem „Gewicht der Endposition“; es besagt, daß in der Verteilung der Information elementare Bestandteile häufig die letzte Position im Satz einnehmen, unter dem Gesichtspunkt, daß sie eine „neue“ Information mitteilen – vgl. Enkvist 1979: 69.) Die Titel der Paragraphen werden von den oben angegebenen Lexemen gebildet; sie nehmen dabei die Anfangsposition ein, wodurch sie gewissermaßen graphischen Wert erhalten und die Aufmerksamkeit des Empfängers / Lesers erregen.

Die von solchen Begriffen eingenommene Position ersetzt in unserem Fall das Fehlen eines Signals für den neuen Abschnitt, wie eine Unterstreichung oder, noch besser, analog bestimmten modernen typographischen Mitteln, die Angabe der behandelten Gegenstände Abschnitt für Abschnitt in Form von Marginalien. Wir können also allein durch unsere passive Beherrschung der lateinischen Sprache die einander folgenden thematischen Kerne des Textes ausmachen, die Struktur des einheitlichen Diskurses erkennen, der in einzelnen Schritten durchgeführt wird, und seinen Titel identifizieren. Unsere Schlußfolgerungen stützen sich auf das, was vom Autor mittels seiner aktiven Textkompetenz realisiert worden ist, die ihm erlaubt hat, syntaktisch korrekte, akzeptable und mit Sinn versehene Sätze zu produzieren, um so ein kohärentes Ganzes in hierarchischer Organisation und mit einer wohl festgelegten thematischen Struktur7 herzustellen.

3 Bedingungen der Textkohärenz. Die Auslöser der Topikalisierung

Ein weiteres Problem besteht darin zu bestimmen, welche semantischen Relationen, die eine Rolle in der thematischen Progression spielen, für die Textkohärenz konsumtiv sind. Nach van Dijk (1977: 93-94) weist ein kohärenter Text Beziehungen referentieller Identität, Differenz und Veränderung auf. D. h. in einem Text läßt sich Bezug nehmen auf dieselben Individuen oder Entitäten, oder es lassen sich gleiche Handlungen und Eigenschaften verschiedenen Individuen oder Entitäten zuordnen. Ebenso lassen sich in das Redeganze neue Individuen, Entitäten und Handlungen einführen, vorausgesetzt, die Unterschiedsmomente besitzen eine gewisse Beziehung zu Momenten, die im Text schon vorhanden oder jedenfalls aus dem Ko-text oder dem Kontext ableitbar sind. Die semantischen Relationen sind konstitutiv für die Textkohärenz, wenn sie in thematischem Zusammenhang stehen (vgl. Mortara Garavelli 1979: 110).

Nun kann der thematische Zusammenhang nicht vorhanden sein, wenn nicht das Merkmal der Homogenität gegeben ist. Insbesondere müssen die jeweils topikalisierten Elemente in irgendeiner Weise ein Band oder eine Beziehung zum „Universum des Diskurses“8 besitzen, das zuvor im Text realisiert wurde: das Thema kann also „gegeben“ sein mit Bezug auf ko- und kontextuelle Elemente, oder der Sender kann meinen, daß der Empfänger in irgendeiner Weise in der Lage sei, den Referenten des Themas zu identifizieren, auch wenn dieser als „neu“ erscheint.

Wir können also einige der Auslösemechanismen der Topikalisierung untersuchen, die die Einpassung der einzelnen Äußerungen in den Text (textual fit, vgl. Enkvist 1979) bestimmen. Die verschiedenen Thema-Varianten können erkenntnismäßig gleichwertig, jedoch unterschiedlich in ihren Präsuppositionen sein, was alte und neue Information betrifft. Die Wahl einer besonderen Thema-Variante muß also nach textlichen Parametern erforscht werden. Im Lateinischen, wo die Wortstellung relativ frei ist, ist die Thema-Flexibilität ziemlich ausgeprägt: man kann sagen, daß alle Satzkonstituenten, sogar die Elemente zweiten Ranges in der Hierarchie der syntaktischen Verknüpfung (z. B. simia-rum, NH 8,80), topikalisiert werden können, um die Thema-Struktur herzustellen, vorausgesetzt, es geschieht in homogener Weise und es werden die angemessenen Mechanismen der Topikalisierung angewandt. Konkret:

  • Das Element ist topikalisiert, weil es unmittelbar vorher erwähnt wurde, d. h. es steht im Zusammenhang der Koreferenz oder Referenz zu einem im selben Textabschnitt zuvor vorgekommenen Element:

Mutat colores Scytharum Tarandrus … Tarandro magnitudo quae bovi est (NH 8,52).

Natürlich wird dieser Zusammenhang (wie der hier gleich untersuchte) nicht nur durch die Wiederholung desselben Lexems realisiert; hier spielt nämlich das Prinzip der „syntagmatischen Substitution“ (vgl. Harweg 1968: 148) eine bedeutsame Rolle: nach ihm kann das unmittelbar vorher erwähnte Element mit einer Ersatzform topikalisiert werden, die „geeignet ist, auf Einheiten oder Sequenzen von Einheiten des Textes zu verweisen“, die vorhergehen (Mortara Garavelli 1979: 41): mit einem endophorischen (d. h. nach innen weisenden) Ausdruck, der in seinem Kontext semantisch dem Ausdruck äquivalent ist, auf den er verweist.

So meint Harweg (ebda.), ein Text sei „eine Folge sprachlicher Einheiten, die von einer ununterbrochenen Kette syntagmatischer Substitutionen gebildet wird“:

Cauda piscium his, cetera species lutrae. Utrumque aquaticum, utrique mollior pluma pilus. (NH 8,47) – Maria trameant gregatim nantes porrecto ordine et capita imponentes praecedentium clunibus vicibusque ad terga redeuntes. Hoc maxime notatur a Cilicia Cyprum traicientibus. (NH 8,50) – Sunt et oryges, soli quibusdam dicti contrario pilo vestiri et ad caput verso. Sunt et damnae, et pygargi, et strepsicerotes, multaque alia baud dissimilia. Sed illa Alpes, haec transmarini situs mittunt. (NH 8,79)

  • Ebenso kann das topikalisierte Element in Einheiten (oder Textsegmenten) erwähnt sein, die „nicht unmittelbar vorhergehen“:

    Aeque memorandum et de panthera tradit Demetrius physicus … Panthera et tigris macularum varietale prope solae bestiarum spectantur … Tigrim Hyrcani et Indi ferunt. (NH 8,21 / 23/ 24) Camelos inter armenta pascit Oriens … H arum aliqua similitudo in duo transferuntur ammalia. (NH 8,26/27)
  • Das topikalisierte Element kann in einer Sein-Haben-Relation zu einem Referenten stehen, der zuvor Gegenstand des Textes war:

Verum in crocodilo maior erat pestis quam ut uno esset eius hoste natura contenta … In ventre mollis est tenuisque cutis crocodilo. (NH 8,38)

Bei dieser Relation kann auch der Zusammenhang Oberbegriff- Unterbegriff begegnen:

Ad reliqua transeamus animalia et primum terrestria … Hyaenis utramque esse naturam … Bubus lndicis camelorum altitude traditur, cornua in latidudinem quaternorum pedum. (NH 8,1; 8,44; 8,70)

  • Das topikalisierte Element kann zu einem Element des vorherigen Textes in der Relation der sog. indexal implication (Merkmalsimplikation) stehen:

Leonum animi index cauda Vis summa in pectore (NH 8,18):

Die Entität des Textes „Löwe“ impliziert den Begriff der „Stärke“.

Leonum duo genera …Vitam his longam docet argumente quod … (NH 8,18):

die zeitliche Begrenzung der Existenz ist im Begriff des Lebewesens selbst impliziert.

Leonum duo genera Urìnam mares crure sublato reddere ut canes (NH 8,18):

Urinam“ ist als biologische Funktion des Lebewesens impliziert.

  • Das topikalisierte Element kann überdies als dem Empfänger bekannt präsupponiert werden, und zwar kraft des situativen Kontextes.

Antipater auctor est duos (elephantos) Antiocho regi in bellicis usibus célèbres edam cognominibus fuisse… (NH8,5); Certe Cato cum imperatorum nomina Annalibus detraxerit… (NH 8,5)

Antipater und Cato sind zwei Textreferenten, die Plinius als seinen Lesern bekannt voraussetzt; jeder Rezipient des Textes in der Zeit des Plinius ist in der Lage, sie zu identifizieren.9

Alle diese Typen der Topikalisierung von Elementen werden nach einem Mechanismus ausgelöst, den man als direkte Topikalisierung definieren kann, weil zwischen den Konstituenten, die die Themata der Äußerungen und des vorhergehenden Ko-textes (oder des situativen Kontextes) repräsentieren, ein enges Band existiert, ggf. auch in Form anderer Typen von Textkohäsion.10

  • Es existiert in jedem Fall zudem wenigstens ein Mechanismus indirekter Topikalisierung: die Hervorhebung (Emphase), die besonders deutlich ist, wenn die Eingangskonstituente des Satzes (das Thema) nicht „bekannt“ ist, d. h. wenn ihr Referent „nicht aus dem Ko-text wiedererlangbar“ ist (vgl. Halliday 1975 und 1977). Man muß sich bei dieser Gelegenheit vergegenwärtigen, daß diese Wiedererlangbarkeit auch mit der Fähigkeit des Empfängers zusammenhängt, sich dessen zu erinnern, was in weit voranliegenden Textsegmenten dargelegt worden ist. Wenn das nicht möglich scheint, zieht der Sender in Betracht, daß der Leser Elemente als neu wahrnimmt, auch wenn sie schon Gegenstand des Textes waren (vgl. Chafe 1976). Wahrscheinlich liegt ein ähnliches Phänomen in folgender Äußerung vor:

E tigribus eos Indi volunt concipi (NH 8,61)

Plinius hat vom Tiger in Kap. 25 gesprochen. Indem er hier dieses Element topikalisiert, wollte der Autor es wahrscheinlich betonend hervorheben, um die Aufmerksamkeit darauf zu konzentrieren. Man kann kaum behaupten, daß die Topikalisierung hier mit direktem Bezug auf eine Entität des Textes erfolge, die zweiunddreißig Kapitel vorher eingeführt und von der seitdem nicht mehr gehandelt wurde. Eine Hervorhebung in einem geschriebenen Text zu erkennen, von dessen Sprache wir keine aktive Kompetenz besitzen, ist schwer, vor allem weil sie mittels der Intonation, d. h. eines über die einzelnen Segmente hinweg wirkenden sprachlichen Zeichens, realisiert wird, das wir nur in einzelnen Fällen und nie mit absoluter Gewißheit rekonstruieren können (vgl. Rubio 1976: 63). Das Kriterium der Emphase im Zusammenhang mit der Wortstellung im Lateinischen nimmt in den Werken Marouzeaus breiten Raum ein – wenn man, nach dem Autor, Verschiebungen in der linearen Ordnung bestimmen will, die auf der Grundlage des von uns Dargelegten als verschiedene Thema-Varianten angesehen werden können (vgl. Marouzeau 1922, 1938, 1946, 1949, 1953). In Marouzeaus Hypothese wird jedoch zu häufig auf die Intuition Bezug genommen. Wir beschränken uns deshalb darauf, die Emphase als Mechanismus indirekter Topikalisierung vorzuschlagen, die die Notwendigkeit vertiefter Nachforschungen vor allem aus prosodischer Sicht signalisiert.“11

  • Ein letzter Typ des Topikalisierungsmechanismus, der wichtig zu erwähnen scheint, besteht in der sog. ikonischen Topikalisierung, die man dem weiteren Prinzip des „Parallelismus“ unterordnen kann. Nach Dressler (1972 = 1974) existiert eine Tendenz, in aufeinanderfolgenden Sätzen eines Textes dieselbe syntaktische oder dieselbe semantische Funktion in korrespondierenden Positionen zu realisieren: natürlich kann dieses Prinzip auch für die Thema-Position gelten. Es ist jedoch wichtig sofort festzuhalten, daß das Prinzip des Parallelismus vor allem im literarischen Code wirksam ist, in dem die Stellung der Wörter nicht allein durch Notwendigkeiten der Thema-Entwicklung erzwungen ist; vielmehr kann es geradezu vorkommen, daß sie im Namen der „Autonomie der Signifikanten“ (der sprachlichen Zeichen hinsichtlich ihrer Ausdrucksseite) aufgelöst ist. In jedem Fall kann man festhalten, daß auch in einer Sprache, in der die referentielle Funktion dominiert, wie etwa in der von Plinius in der Naturalis Historia gebrauchten, eine ganz formale Aufmerksamkeit in Richtung auf die poetische Funktion existiert; zum Beispiel in folgender Äußerung:

Ducit agmen maximus natu, cogit aetate proximus.“ (NH 8,5)

Hier ist der Parallelismus des Verbums in Anfangsstellung beider Sequenzen evident, während die beiden Rhemata durch die gegenseitige syntagmatische Verschiebung (in Form des Chiasmus) der beiden nominalen Syntagmen charakterisiert werden (in maximus natu geht der in der syntaktischen Struktur untergeordnete Begriff dem regierten Begriff voraus; in aetate proximus hingegen geht der regierte Konstituent dem regierenden Konstituenten voraus):

Ducit agmen maximus natu, cogit aetate proximus.“

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4 Bemerkungen zur Topikalisierung des Verbs

Die textlichen Strategien erfreuen sich im Lateinischen einer bemerkenswerten Freiheit auch darin, daß ebenso das verbale Element seinen Konstituenten vorangehen kann, mit dem Ergebnis einer anaphorischen oder kataphorischen Wirkung. Die Anfangsstellung von Wendungen wie evenit ut…, accidit ut… usw. ist völlig normal aus der Sicht der Thema-Struktur; die Präsupposition ist: „es ist etwas geschehen“, accidit oder evenit repräsentieren also ein gegebenes Element auf dem Niveau gemeinsamer Präsupposition, das Thema; die ihm folgenden Ergänzungen realisieren die Information. So stellt in Est in Hispania, sed maxime Corsica, non absimile pecori genus musmonum (NH 8,75) est das thematische Element dar, das kataphorisch auf den informativen Teil der Äußerungen verweist. In anderen Fällen hat die Themaposition des Verbs eher eine scheinbare als eine wirkliche Funktion: Concipiunt Novembri mense… Pariunt octonis annis (NH 8,76). In Äußerungen dieses Typs ist das Subjekt elliptisch fortgelassen, wird allerdings durch den Verbausgang zurückerinnert: das grammatische Subjekt, ausgedrückt am Eingang des Abschnitts, ist caprae, es vereint in sich die Funktion des Themas des Textstücks und des Themas der Äußerung. Wir finden jedoch das Verb in erster Position, ein Phänomen, das von der Thema-Struktur bestimmt ist. Versuchen wir nämlich, das Verb hinter das Rhema zu stellen, was die syntaktisch „normale“ Position wäre, erhielten wir: Novembri mense concipiunt… Octonis annis pariunt…; das wären Äußerungen, in denen man durch die Stellung der Elemente, die umgekehrt in ihrer tatsächlichen Position einen höheren Informationsgehalt transportieren, eine (emphatische) Topikalisierung erhielte.

In anderen Fällen kann das Verbum, indem es Subjekt und Objekt vorangeht, wirklich das Thema einer Äußerung bilden. Die textlichen Strategien erzwingen in diesen Fällen ein Thema-Muster, das Typen von Sequenzen zu benutzen erlaubt und verlangt, die gewöhnlich hinsichtlich der Wortstellung im Lateinischen selten sind. Man betrachte folgendes Beispiel:

Dracones esse tantos ut totum sanguinem capiant; itaque elephantos ab his ebibi siccatosque concidere et dracones inebriates opprimi conmorique. Generat eos Aethiopia Indicis pares vicenum cubitorum. (NH 8,12-13)

Wir können generat im Zusammenhang einer Merkmalsimplikation (indexal implication) mit dem vorhergehenden Text verstehen: Es wurde bis hierher und es wird weiterhin von Schlangen gesprochen; die Geburt des Tieres ist im Begriff des Lebewesens impliziert. Man sehe sich dagegen folgende Beispiele an:

Scit ille imparem sibi luctatum contra nexus; itaque arborum aut rupium attritum quaerit. Cavent hoc dracones, ob idque gressus primum alligant cauda. Resolvant illi nodos manu. (NH 8,12)

Schon nach Marouzeau entspricht in diesen Fällen die Voranstellung des verbalen Elements der Notwendigkeit, „une péripétie notable… conjuguée avec d’autres“ ins Licht zu rücken, die einen Teil bildet „d’un ensemble de faits ou d’actions dont l’accumulation même donne au récit son intérêt et sa valeur. Le verbe est alors l’essentiel de l’énoncé“ (Marouzeau 1938: 67). Wir akzeptieren den Gesichtspunkt völlig, daß das Verbum das Wesentliche dieser Äußerungen bildet; das bedeutet, daß das Verbum den größten Informationsgehalt gegenüber den anderen Konstituenten transportiert. Es ist das neue Element; denn diese Verben können in keiner Weise aus dem Ko-text erschlossen werden, sondern sind nach dem Mechanismus der Emphase topikalisiert.

Es ist schwer, alle Fälle der Voranstellung des verbalen Syntagmas im Licht der Prinzipien der Topikalisierung zu erklären. Wahrscheinlich dürfte sich oft die Tatsache auswirken, daß das klassische Latein Symptome der Entwicklung zu einer anderen syntaktischen Struktur präsentiert, die jene der romanischen Sprachen vorwegnimmt, in denen die Grundstellung der Wörter die SVO-Stellung ist (Subjekt – Verb – Objekt). Wenn dann in der lateinischen Äußerung das Subjekt das Rhema bildet, d. h. das informative Element, kann es günstig sein, die gesamte Verb-Objekt-Sequenz zu topikalisieren und dem Subjekt hinsichtlich des Themas die Rechts-Stellung zuzugestehen, wie in der Satzfolge:

Elephanti gregatim semper ingrediuntur. Ducit agmen maximus natu, cogit aetate proximus (NH 8,5).

Ducit agmen und cogit stehen hinsichtlich gregatim in der Beziehung der Merkmalsimplikation. Die beiden verbalen Syntagmen, von denen das erste durch Verbum + nominales Syntagma, das zweite von cogit mit Objektellipse gebildet wird, sind also gegebene Elemente, topikalisiert in einfacher linearer Progression; maximus natu und aetate proximus sind die Rhemata, die informativen Elemente. Auf die Äußerung wirkt überdies das Prinzip des Parallelismus.

5 Didaktische Schlußfolgerungen

Diese Skizze einer Analyse, unvollständig unter verschiedenen Aspekten, sucht zu zeigen, daß es auch im Feld der klassischen Sprachen möglich ist, neuere Errungenschaften der Linguistik anzuwenden: Auch ein lateinischer Text ist „Text“ nur, wenn er einen thematischen Aufbau besitzt, nur wenn satzübergreifende Verbindungen der Abfolge von Äußerungen Kohäsion und Kontinuität sichern. Diese Überlegung kann unter didaktischem Aspekt einige Bedeutung gewinnen, vor allem, wenn man die Differenzen aufzuzeigen vermag, die das Lateinische und die eigene Sprache hinsichtlich der Topikalisierung aufweisen. In einer gültigen Übersetzung des lateinischen Textes scheint es uns richtiger, die Thema-Struktur der im Zusammenhang miteinander stehenden Äußerungen zu bewahren zu suchen, als die syntaktische Struktur der isoliert analysierten Sätze, und zwar trotz der unterschiedlichen Thema-Flexibilität beider Sprachen. Man erkennt dann die Bedeutung, die – werden Äußerungen so verstanden – die Ordnung gewinnt, in der die Wörter verteilt sind. Nach unserer Meinung könnte all das für Lernende hilfreich dazu sein, den Text besser zu verstehen – in seiner Gesamtheit und in den Schritten, in denen er nach und nach zustandekommt. Unter dem Gesichtspunkt, daß das Lateinische keine gesprochene Sprache mehr ist, schien es ausreichend, nur eine Beschreibung der Mechanismen in ihrem Funktionieren zu bieten, anstatt einer Beschreibung des Funktionieren s derselben Mechanismen in einem generativen Modell. Es war nützlicher (überdies einfacher), von konkreten Realisationen (dem achten Buch des Plinius) auszugehen und zu erklären, wie diese in ihrem textlichen Rahmen zustandekommen.

Susanna Conti und Prof. Germano Proverbio, Universität Turin

 

 
 

Zuerst erschienen in: Aufidus, Rivista di scienza e didattica della Cultura Classica, Bari-Rom, 7/1989, S. 105-126.

Auf deutsch zuerst veröffentlicht in
Der altsprachliche Unterricht, Heft 3/90: Grammatik – Semantik – Textverstehen II; hg. von Helmut Schareika, S. 76–88

 
 

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Anmerkungen

(1) Es wurde darauf verzichtet, in die Übersetzung dieses Beitrages deutsche Beispiele einzuarbeiten, da für das Deutsche prinzipiell ähnliche Überlegungen gelten, wenngleich es hinsichtlich der Wortstellung noch etwas freier als das Italienische ist (Anm. d. Hg.).

(2) Zugrunde liegt im folgenden die Ausgabe von G. B. Conte, Turin (Einaudi) 1983. Eine lat.-dt. Ausgabe liegt vor in: Gaius Plinius Sec. d. Ä., Naturkunde, hg. von König, R. / Winkler, E. (Tusculum-B., Bd. 8 der Gesamtausgabe), München (Artemis, auch WB) 1978.

(3) Der Begriff Referenz bezeichnet häufig allgemein die Beziehung zwischen sprachlichen Zeichen und Elementen („Entitäten“) der außersprachlichen Wirklichkeit, also gleichermaßen in expositorischen (d. h. den Anspruch, nachprüfbare Fakten dazulegen, erhebenden) und fiktionalen Zusammenhängen; hier wird der Begriff eingeschränkt auf das expositorische Sprechen gebraucht (Anm. d. Hg.).

(4) Wir gebrauchen Ko-text und Kontext im Sinne Petöfis, d. h. als sprachliches bzw. außersprachliches Umfeld (Petöfi 1971).

(5) Nach einigen Linguisten sind Thema und topic nicht völlig deckungsgleich; der Einfachheit halber gebrauchen wir indes hier die beiden Begriffe unterschiedslos.

(6) Im diskutierten Beispiel wäre im Deutschen „Den Tiger…“ grundsätzlich möglich, es wäre aber wohl vom Kontext abhängig, ob man diese Möglichkeit wählen würde. In Fällen, wo die morphologische Kennzeichnung uneindeutig ist (wie im Italienischen regelmäßig), muß zwangsläufig zu syntaktischen Änderungen gegriffen werden, z. B. „Die Scholle bringt die Ostsee hervor.“ (Anm. d. Hg).

(7) Natürlich ist nicht die Wiederholung derselben Lexeme nötig, sondern es genügt als Mittel der Koreferenz ein anaphorischer Ersatz (Pronomen).

(8) Begriff bei Charles S. Peirce, meint die thematische Grenze des Gegenstandes der Rede. (Anm. d. Hg.)

(9) Daneš beschreibt noch weitere Möglichkeiten der thematischen Progression, die sog. Progressionen zweiten Grades, und klassifiziert die Abweichungen von der thematischen Progression. An dieser Stelle schien es ausreichend darzulegen, welcher Typus von Kriterien ersten Grades die Geschlossenheit des Textgegenstande bestimmt.

(10) Ein letzter Typ direkter Topikalisierung wird von Adverbialen gebildet (z. B. Ablativi absoluti und cum narrativum), die immerhin einen direkten Bezug auf im Text schon dargelegte Situationen und Ereignisse enthalten (z. B. his rebus cognitis…).

(11) Hierzu vgl. man Charpin 1977, Charpin 1978 und Rubio 1976