Helmut Schareika

Ins Netz gegangen

Wie Angebote des Internet dazu verleiten können, pädagogische Grundsätze zu ignorieren

Wer sich „im Netz“ umtut oder sich dort z.B. über einschlägige Web-Sites mit sog. Link-Listen (Verknüpfungen zu anderen Netz-Adressen) einen Überblick über fachlich möglicherweise interessante Artikel oder Präsentationen zu verschaffen sucht, wird feststellen, daß man oft auf immer dieselben Adressen verwiesen wird. Eine davon ist http://www.roma-antiqua.de, dort wird ein „virtueller Rundgang“ durch das antike Rom angeboten.

„Ein virtueller Rundgang“ – ?

Auf die genannte Adresse nimmt ein Aufsatz in „Computer+Unterricht“ unter dem Titel „Ein Besuch auf dem Forum Romanum“ Bezug.1 Die Autorin beschreibt, wie sie mit einer 5. Lateinklasse in einer Doppelstunde diesen Besuch durchgeführt hat. Diesen Beitrag findet man inzwischen ebenfalls öfter zitiert, wenn es um Fragen des altsprachlichen Unterrichts und der neuen Medien, bes. des Internets, geht.2

Von entscheidender Bedeutung für den Lateinunterricht ist der Autorin die Forderung nach Anschauung und Anschaulichkeit, Aspekte, deren Bedeutung jeder unterstreichen wird. Die Aussage (S. 15): „Das dem altsprachlichen Unterricht eigene Wirklichkeitsdefizit muß aufgeholt werden“ hingegen sollte man schon genauer betrachten, weil hier einerseits eine generalisierende Aussage getroffen, andererseits im Folgesatz der Begriff ‚Wirklichkeit' auf „Realien“ eingeschränkt wird. Unter ‚Wirklichkeit' im pädagogischen Kontext ist vielleicht doch eher die Frage-Wirklichkeit der Schüler zu verstehen, über die erst der Zugang zu fernen Zeiten und Welten möglich wird.

Nach dem Ausgangspunkt des Aufsatzes sind es folgerichtig Bilder von Realien, im konkreten Unterrichtskontext: des Forums, die beschafft werden müssen, um visuelle Vorstellbarkeit herzustellen. Visuelle Vorstellbarkeit ist aber etwas anderes als Wirklichkeit. Die Autorin findet nun „nicht nur die erwarteten Einzelbilder, sondern einen methodisch aufbereiteten virtuellen Rundgang durch Roma Antiqua“ (unter der oben genannten Adresse) … im Internet.

Dieses Vorhaben würde sich „auch mit allgemeineren Zielsetzungen unserer Schule treffen: der systematischen Entwicklung von Medienkompetenz“ (S. 16). Auch dies erscheint ja zunächst als eindeutiger und positiver Begriff; allerdings hat das vorliegende Heft dessen Problematik ja wohl zumindest in Ansätzen dargelegt.

Positive Motivationen finden sich ferner im folgenden: „Die Schülerinnen und Schüler können dort [d.h. bei www.roma-antiqua.de] eintauchen in Bilder, die nicht statisch sind, sondern die ein Hin- und Hergehen wie bei einer Exkursion ermöglichen. Dabei können die Kinder selbst Schwerpunkte ihrer Besichtigung setzen“ (S. 16).

Zum Schluß ergibt sich, daß „die Motivation der Schülerinnen und Schüler bei der Bearbeitung des Themenbereichs ‚Forum' im Internet … wesentlich höher“ war als „bei einer konventionellen Bearbeitungsweise“ (S. 17; gemeint ist die Nutzung der im Lehrbuch vorhandenen Bilder und Informationstexte). Freilich: „Ein weiterer Punkt, der von mir hätte stärker antizipiert werden müssen, ist die Frage nach der Weiterverarbeitung der erworbenen Kenntnisse“ (ebda.). Auskünfte darüber, welche Kenntnisse überhaupt erworben wurden, gibt der Aufsatz nicht.

Das klingt alles wunderbar, wo also könnte ein Problem liegen – denn auf ein solches, der Leser ahnt es längst, sollen diese Ausführungen ja wohl hinauslaufen. Das Problem liegt einfach in der Frage: Was ergibt sich wirklich, wenn man mit einer 5. Klasse eine Exkursion nach „roma-antiqua.de“ unternimmt?

Anders als der Aufsatz darlegt, findet man unter der angegebenen Adresse eine in ‚Hyperlink-Technik', wie bei Internetseiten üblich, verknüpfte Reihe von Farbbildern von Monumenten des antiken Roms, Einzelbild auf Einzelbild, umgeben von beschreibendem Text. Die Bilder sind klein (wenn auch etwas vergrößerbar) und von mäßiger Qualität, zum Teil stark unterbelichtet. Jede Seite ist ausgesprochen textlastig, der Text ist in der schlichten Gebrauchstypografie aus Urzeiten der Schreibmaschine gehalten. Von einem „Rundgang“ kann in keiner Weise die Rede sein, denn man klickt sich nur von Bild zu Bild, nicht anders als wie man in einem Buch von Seite zu Seite blättert. Statischer als diese Internetseiten kann kein Buch sein (mit dem man sogar, wenn man wollte, ‚Daumen kino' spielen könnte). Das sogenannte „Hin- und Hergehen wie bei einer Exkursion“ entpuppt sich als Hin- und Herklicken.

Und „methodisch aufbereitet“? Der Autor der Seiten äußert sich selbst: „Die Auswahl der auf diesen Seiten vorgestellten römischen Monumente ist rein willkürlich“ (http://www.roma-antiqua.de/div/ueber.html). Dieses ehrliche, unprätentiöse Urteil läßt sich ergänzen: Die Texte enthalten für Fünftkläßler ganz ungeeignete (aber eben für sie auch gar nicht gedachte) Ausführungen. Eine für diese Altersgruppe geeignete Darstellung des Herzens des alten Roms müßte von Lebendigkeit getragen sein und die Inhalte beispielsweise über adäquate Episoden mit handelnden Personen als ferne Wirklichkeit erfahrbar machen. Nichts dergleichen hier (das ist kein Vorwurf an den Autor!). „Genauer besichtigen“, wie das Schüler-Arbeitsblatt es behauptet, läßt sich erst recht keines der Gebäude.

Es wundert nicht, daß von „der Weiterverarbeitung der erworbenen Kenntnisse“ im Artikel aus C+U nicht weiter die Rede ist. Weder bringen die Fotos etwas von einer nachvollziehbaren Wirklichkeit – außer Ruinen – noch sind Grundrisse für Zehn- oder Elfjährige nachvollziehbar noch sind die abstrakten Texte voll unbekannter Namen und Begriffe für sie verständlich. Gerade auch die Texte stellen die Dinge zusammenhanglos nebeneinander und schaffen keinerlei roten Faden irgendeiner Art. Daß die Schüler vor dem Computer gleichwohl motiviert waren, muß man nicht bezweifeln; der Rechner ist für viele von ihnen in dem Alter bekanntlich ein Faszinosum.

Die Website „Roma antiqua“

Was hat es mit www.roma-antiqua.de genauer auf sich? Es handelt sich bei dieser Internetpräsentation um das – für sich zunächst nicht zu bekrittelnde – Werk eines inzwischen 25-jährigen Studenten „der Geschichte und der Politik. Das Projekt ‚Roma Antiqua' betreibe ich in meiner Freizeit –als Hobby“, wie Sven Keller, der Autor, selbst darlegt. und: „Daraus ergeben sich folgende Konsequenzen: Ich übernehme für den Inhalt von Roma Antiqua (i.e. besonders die fachliche Richtigkeit) keine Gewähr. […] Sollten irgendwelche Fehler auftreten (und ich bin mir sicher, daß sie es tun!) würde ich mich freuen, wenn ich eine Mitteilung erhalten würde.“

Sven Keller hat nichts zu verbergen, man erkennt den Spaß und sein Engagement ohne Einschränkung an. Aber wo übernimmt ein Autor keine Gewähr für die Richtigkeit seines Textes?

Aus welchen Gründen immer, wohl kein Verlag hätte Kellers Arbeit publiziert, und wenn, so würden (was Keller nicht verschweigt) z.B. Grundrisse und Rekonstruktionszeichnungen aus Büchern kaum ohne Berücksichtigung von Copyrights übernommen.

Aber Sven Keller ist für den Besuch seiner Roma Antiqua durch Fünftkläßler unter den in dem Artikel genannten Aspekten nicht verantwortlich.

Was ratlos macht, ist die Tatsache, daß eine Präsentation wie diese Roma Antiqua allenthalben in Kontexten zitiert wird, die sie als unterrichtlich brauchbar erscheinen lassen. Bitte, gern auch das, jedoch vielleicht gerade eben als lexikalische Information für Ältere.

Und ein weiteres macht ratlos: Wie kann eine derartige Präsentation Äußerungen wie die (in Auswahl) aus dem Artikel von M. Diefenbach zitierten auslösen, Äußerungen, die – nicht nur bezogen auf die Schülergruppe – ganz an der ‚Wirklichkeit' des Inhalts von www. roma-antiqua.de vorbeigehen.

Und wie soll man die Aussagen der Autorin bezüglich der Medienkompetenz bewerten? Abgesehen von den hier angesprochenen inhaltlich-pädagogischen Fragen dürfte es den Schülern gleichgültig sein, daß der Autor von Roma Antiqua „für den Inhalt keine Gewähr“ übernimmt. Das ist aber eigentlich das Ethos und die Pflicht jedes Autors. Der – ohnehin äußerst kritisch zu betrachtende – Begriff ‚Medienkompetenz' muß hier für eine fragwürdige Unternehmung herhalten.

Fazit

Was bleibt nach dieser Betrachtung von den Intentionen des Projektes „Ein Besuch auf dem Forum Romanum – Ein virtueller3 Rundgang“? Das Internet, so nützlich es sein kann, verführt offenbar auch zum fahrlässigen, unbedachten Umgang damit, vielleicht einfach deswegen, weil seine Angebote meist kostenlos und ohne größere Anstrengung zu haben sind. Fragen der inhaltlichen Qualität oder Eignung sind dann augenscheinlich aus kritischer Betrachtung ausgeblendet. Es ist nicht zu übersehen, daß – wie hier – elementarste Aspekte pädagogischen Handelns in Vergessenheit zu geraten drohen, wenn das Glitzerwort Internet fällt. Das Beispiel von www.roma-antiqua.de ist keinesfalls zu verallgemeinern. Aber der Verfügbarkeit von Daten, für die niemand die Verantwortung übernimmt, muß im Bereich der Schule durch ein erhöhtes Verantwortungsbewußtsein der Pädagogen begegnet werden.

Dr. Helmut Schareika
D – 55435 Gau-Algesheim

E-Mail: hs@textus.de

 


 

Anmerkungen

1 von Martina Diefenbach, in: C+U Heft 37 (2000), S. 15–18

2 In diesem Heft (oben S. 42) nimmt T. Bechthold-Hengelhaupt darauf Bezug.

3 Zum inflationär gewordenen Unsinnsbegriff ‚virtuell' vgl. H. von Hentig: Der technischen Zivilisation gewachsen bleiben. Nachdenken über die Neuen Medien und das gar nicht mehr allmähliche Verschwinden der Wirklichkeit, Weinheim (Beltz) 2002, S. 248f. unter kulturkritischem Aspekt.


Dieser Text erschien zuerst in: Der Altsprachliche Unterricht, Heft 3+4/2002, Seite 77–78
Die Rechtschreibung wurde hier wieder der herkömmlichen angepaßt.