Caesar und Labienus

Geschichte einer tödlichen Kameradschaft

von Meinhard Wilhelm Schulz

 

X, 324 Seiten  
   
Georg Olms Verlag, Hildesheim 2010
Reihe »Spudasmata«
 

Aus dem Vorwort

Mit dem Buch »Caesar zu Pferde« (Spudasmata 23; 2009) wurde der Versuch unternommen, einen neuen Weg zum Verständnis des überragenden Römers zu beschreiten: Es kam hier bevorzugt zu einer reiterlichen Interpretation der Kommentarien bis hin zur Schlacht von Pharsalos. In diesem Zusammenhang musste der Verfasser feststellen, dass Labienus und Caesar als Reitergeneräle in der Forschung bisher noch keine hinreichende Berücksichtigung gefunden hatten, wobei auf der anderen Seite das problematische Verhältnis des Oberkommandierenden zu seinem Stellvertreter einer gründlicheren Untersuchung bedurfte, die im Rahmen der eher reiterlichen Arbeit noch nicht zur Ausführung gelangen und nur ansatzweise bearbeitet werden konnte: Grundsätzlich gilt nämlich, dass der noch so große persönliche Sieg eines Unterfeldherrn wohl zu allen Zeiten als Triumph des Oberkommandierenden ausgegeben wurde, in dessen Diensten der jeweilige Befehlshaber ja steht; Labienus aber konnte sich, wie wir sehen werden, mit dieser Tatsache ebenso wenig abfinden, wie es Caesar ertragen konnte, neben sich einen ebenbürtigen Offizier vorzufinden, dem es lebenslang versagt blieb, zum großen Feldherrn aufzusteigen, wohl, weil seine recht bescheidene Klientel dies von vorn herein nicht zuließ. Daraus aber entspinnt sich die Tragödie ihrer tödlichen Hass-Kameradschaft.

Im unten folgenden Text soll Caesars gesamte militärische Karriere, wie sie vor allem in den Kommentarien und später bei Cassius Dio, Appianos von Alexandria und dem Dichter Marcus Annaeus Lucanus dargestellt wird, neu aufgerollt und unter besonderer Beachtung der Rolle des Labienus sowie von Caesars übriger Generalität geschildert werden; dabei wird das reiterliche Thema erneut eine große Rolle spielen: Nur durch eine umfangreiche, geduldige Quellenarbeit kann man der Sache auf den Grund gehen, um auf diese Weise Caesar, den mit Abstand wichtigsten Gewährsmann beim Wort zu nehmen; dazu schon hier die Frage: Wem, wenn nicht Caesar persönlich sollen wir denn glauben, dass er selbst alles andere als der von seinen Panegyrikern erfundene unschlagbare Feldherr und unfehlbare Staatsmann war, der angeblich eine »historische Mission« zu erfüllen hatte?!

Caesars atemberaubende Karriere beruht auf seiner Laufbahn als Feldherr. Ohne sie wäre er nur wenig mehr als einer der Konsulare, die in einer Fußnote der Römischen Geschichte abgehandelt werden. Als Caesar sich aber wie aus dem Nichts zum Strategen entwickelte, war er mit Labienus aufs Engste verbunden: Beide fanden gemeinsam nach tastendem Beginn zur Gestalt des großen Feldherrn. So waren sie – schon durch den Erfolg dazu verdammt – rund acht Jahre lang vorzügliche Partner, bis die kaum fassbare Trennung und der mörderische gegenseitige Hass erfolgten. Hier wird in der Tradition stets Labienus, dem vermeintlichen Verräter, die Hauptschuld angelastet: Wir werden sehen, ob diese alte, schon in der Antike (z. B. bei Lukan und Cassius Dio) begründete Version ihre Richtigkeit behalten kann.

Welche Bedeutung der historischen Gestalt des Labienus zurzeit zugebilligt wird, mag der Neue Pauly unter Beweis stellen: Den Herausgebern ist er nicht einmal eine ganze Spalte (halbe Seite) wert, und in einem vielverbreiteten zwanzigbändigen Konversationslexikon ist sein Namen überhaupt nicht zu entdecken. Auch sonst findet sich nur eine einzige etwas ausführlichere Publikation zum Thema:

Die 40 Jahre alte Dissertation von William Barker Tyrell (Military and Political Career of T. Labienus, Washington 1970) befindet sich in Deutschland offenbar mit nur einem einzigen Exemplar im Seminar für Alte Geschichte der Universität Gießen und wird nicht verliehen. Aber Tyrell (Professor of Classics – Michigan State University) stellt dankenswerter Weise seine Arbeit in aktualisierter Form im Internet jedermann zur Verfügung (Biography of T. Labienus, Caesar’s Lieutenant in Gaul; hier in E 2 besprochen; eilige Leser mögen zum Kapitel xx weiterblättern).

Die vorherige Lektüre von »Caesar zu Pferde« kann für das Verständnis der unten folgenden Abhandlung nützlich sein; aber diese wurde so konzipiert, dass sie auch aus sich heraus schlüssig ist; Überschneidungen waren nicht immer vermeidbar, wurden aber auf ein Mindestmaß gekürzt: So sind beide Bände wie die zwei Seiten einer Medaille; zusammen betrachtet sollen sie ein neues Bild, ein neues Verständnis von Caesar als Feldherr, seinem revolutionären Einsatz der Reiterei, seinen neuen Strategien, auch seinen strategischen und vor allem menschlichen Schwächen und besonders seinem prekären Verhältnis zu Labienus und der übrigen Generalität ermöglichen: Wenn es dabei gelingt, Labienus eine historische Gerechtigkeit erfahren zu lassen, ist eines der Ziele des Verfassers erreicht: Er legt hier sein umfassendes Bild von Caesars militärischer Karriere vor, ohne sich, jedes Risiko vermeidend, in der unangreifbaren Festung eines Einzel-Problems zu verschanzen.