Jürgen Leonhardt

Latein: Geschichte einer Weltsprache

Verlag C.H. Beck, München 2009
339 Seiten, geb.

Rezension von Guehenno (bei: amazon)

Frustriert – alle Fragen offen, 14. März 2010

»Kunst« kommt von »können«; käme sie von »wollen«, hieße sie »Wulst«. Dieses Buch ist Wulst. Der Autor will die Geschichte und Wirkung des Lateinischen vom Idiom einiger Stämme an der Tibermündung über die Amtssprache des Römischen Reiches bis zu der lingua franca, die wir als »Mittellatein« bezeichnen, erkunden und darstellen, um so zu ihrer Rolle als »kulturellen Erbes« vorzustoßen. Leider aber kommt die Sprache selbst in ihren verschiedenen Phasen, kommen die verschiedenen Sprecher in ihrem jeweiligen sozialen und räumlichen, damit ihrem intentionalen Umfeld, so gut wie nicht vor. Es ergibt sich also kein konkretes Bild von Sprech- (Äußerungs-)Anlässen, intendiertem Empfänger (Leser/Hörer) und Äußerungsabsichten, damit kein Bild von den konkreten Grundlagen, auf denen sich Sprache entwickelt, ausformt und damit ihre – stets und überall – diversen Ausformungen annimmt. Damit fehlt auch die Betrachtung der Inhaltsseite von Sprache, konkret: des Lexikons, das sich jede Zeit in ihrem Idiom gefügig macht, wenn es nicht zwangsläufig sperrig bleibt. Stattdessen wird in abstrakter Rede in sich immer wiederholenden Argumenten und vor allem auch tautologischer Rede über den Gegenstand gehandelt. So bleiben denn auch die Fragen des Übergangs zu den romanischen Sprachen im Nebel, weil Sprache in diesem Buch immer nur als »System« mit Modifikationen existiert, nicht jedoch als Instrument sozialen und damit historisch definierten Verkehrs. Als Beispiel für die Art von Abstraktion sei nur angeführt, daß für die sprachlichen Substrate in heutigen deutschsprachigen Regionen beispielsweise des Frühmittelalters im jeweiligen Fall der Erörterung seltsamerweise einfach der Begriff »deutsch« herhalten muß. Exkurse – ebenfalls mit den immer wieder gleichen Aspekten – in Sprachen von ähnlicher historischer Bedeutungskomplexität wie das Arabische (oder auch Englische) bleiben in gleicher Weise vordergründig und unergiebig. So wäre doch eine Betrachtung von »Pidgin-Latein«, wie es etwa in lateinisch-okzitanischen Texten vorliegt, zwar nicht unbedingt zentral, aber doch vielleicht für die Frage ergiebig – dies nur als Beispiel für den Aspekt des »Konkreten«; anfangen müßte man bekanntlich aber überhaupt schon bei Plautus, Ciceros Briefen gar, erst recht Petron oder Apuleius mit den jeweiligen Idiomen. Wer es bis zum Ende des Buches schafft, dem fallenden Vorhang gewissermaßen, konstatiert, wie dieser Leser, »alle Fragen offen« – und ist frustriert. Dem Suchenden empfohlen sei: Tore Janson: Latein. Die Erfolgsgeschichte einer Sprache.

 

Rezension von Schnuffi (bei: amazon)

Faszinierendes Thema, aber ein schlechtes Buch, 14. Mai 2010

Latein: Geschichte einer Weltsprache

Eine Biographie der Weltsprache Latein könnte und sollte spannend, farbig und lebenssatt sein. Stattdessen ist dieses Buch insgesamt und auch im Detail stilistisch schlecht geschrieben, mit seinen zahlreichen Wiederholungen und Druck-und (deutschen) Grammatikfehlern noch schlechter lektoriert und löst insgesamt den eigenen Anspruch nirgendwo ein. Sobald er neue und interessante Ansatzpunkte bringt, die vom allgemein Bekannten oder Geglaubten abweichen, verweist Leonhardt darauf, dass dies oder das ein hochinteressanter Forschungsansatz wäre, schreibt aber selbst dann kaum etwas dazu. Wie wenig anschaulich das alles ist, sieht man daran, dass im ganzen Buch kaum drei lateinische Wörter vorkommen (außer auf den paar Abbildungen). Dafür weiß ich jetzt alles über Arabisch und Englisch und habe gefühlte hundertfünfzig Mal die Wörter "Diglossie" und "fixierte Sprache" gelesen. Andererseits hat mich das Buch dann doch verführt, mal wieder einen lateinischen Text zu lesen und mich mal an einem lateinischen Wikipedia-Artikel zu versuchen (das Internet mit Möglichkeiten des Lateingebrauchs wie auch der in den letzten hundert Jahren nie dagewesenen einfachen Verfügbarkeit von vielen tausenden von digitalisierten neulateinischen Texten für jeden Interessierten kommt übrigens genausowenig vor in dem Buch).