Helmut Schareika

Tsunami in der Ägäis


Der Tsunami, der an Weihnachten 2004 die Anrainerstaaten des Indischen Ozeans mit wohl über einer Viertel Million Opfern verheerte, wird, möchte man denken, seinen Platz im Menschheitsgedächtnis finden. Versetzen wir uns, um uns einmal vorzustellen, was das bedeutet, beispielsweise 2500 Jahre nach vorn, ins Jahr 4500 – können wir uns die Welt und ihr Wissen in dieser fernen Zukunft ausmalen? Käme uns heute eine Antwort auf die Frage nach der Erinnerung an unsere Zeit in ferner Zukunft nicht allzu kühn vor?

Wie kühn eine solche Überlegung ist, wird deutlich, wenn wir den Blick von heute 2500 Jahre zurück wenden, auf einen Teil nur der vielen Jahrhunderte, die auf uns herabblicken (les ères qui nous regardent, Napoleon etwas abgewandelt). Dort stoßen wir auf einen Autor, der offenbar festes Vertrauen darein setzte, dass sein Werk auch in ferner Zukunft Bestand haben werde als Besitzstück auf ewig, κτῆμα εὶς ἀεί..., gemeint: der Erkenntnis. Diese Unerschütterlichkeit im Glauben an den Sinn von Aufklärung hat Thukydides, hat ein breiter Strom des Denkens seiner Zeitgenossen wohl zumindest vielen heute voraus.

In seiner Geschichte des Peloponnesischen Krieges mitsamt dessen unzähligen Teilkatastrophen in allen Lebensbereichen hält Thukydides an einer unscheinbaren Stelle auch die Erinnerung an eine Naturkatastrophe in der Ägäis wach, an einen Tsunami von offenbar ungeheurer Gewalt, jedenfalls gemessen an den damals im dortigen Raum gegebenen Welt-Erfahrungen. Sein Motiv, über das Ereignis zu berichten, liegt darin, es in Zusammenhang mit dem Ablauf seines großen Themas, des Krieges, zu stellen und zu zeigen, dass es – als Naturereignis – diesen Krieg in der Unaufhaltsamkeit seiner Wucht noch übertraf. Dabei stellt Thukydides die Katastrophe nicht als Walten der Götter dar, sondern analysiert das Geschehen wissenschaftlich als Folge von Erdbeben – mit dem nüchternen Interesse und in der für den Historiker aus Athen kennzeichnenden nominalisierenden Sprache, deren Ziel vernunftgemäßes Sezieren ist. Wie er die Natur des politischen Verhaltens der Menschen seziert, seziert er die Natur auf der Suche nach ihren Gesetzen.

Thukydides widmet der Schilderung dieses Ereignisses – dessen Ablauf, Schauplätzen und Folgen für Natur, Zivilisation und Menschen – ein ganzes Kapitel (Buch 3, 89). Im Sommer des sechsten Kriegsjahres, also 426/25, trifft es die Insel Euboia mit derartiger Kraft, dass es sogar die Geografie um den im nördlichen Inselteil (zum Festland hin) gelegenen Ort Orobiai massiv veränderte. Betroffen war auch die auf dem Festland gegenüber liegende Gegend von Lokroi Opuntioi (etwas südlich des heutigen Kamena Vourla) mit dem vorgelagerten Inselchen Atalante und sogar die noch weiter nordöstlich gelegene Insel Peparethos (heute Skopelos).
Auffällig an der Behandlung des enormen Erdbebens und seiner Folgen, des monströsen Tsunamis und der weiteren Flutwellen, durch Thukydides ist, dass diese selbst mit den eingangs des Kapitels zunächst scheinbar stereotyp dargelegten militärischen Geschehnissen des Eindringens von Spartanern nach Attika äußerlich gar nicht direkt in Verbindung stehen. Der Historiker stellt zwischen deren Ursachen und den Ereignissen um Orobiai erst eine Verbindungslinie (»viele Erdbeben«) her und rückt damit die Abhängigkeit der Menschengeschichte von der Naturgeschichte in den Blick. Dabei verfällt er indes nicht auf eine magisch-mythische Sehweise, sondern bleibt der aufklärerischen Intention seiner Rationalität treu.

Wenn auch die Katastrophe im Indischen Ozean mittlerweile schon wieder einige Jahre zurückliegt – einen Sekundentaktbruchteil vielleicht gemessen an den Zeitdistanzen der sich selbst genügenden Natur – lässt sich eine Lektüre dieses Kapitels des Thukydides auch für sich gut an vielen Stellen in den Unterricht einfügen. Eigene Anschauung, wie sie aktuell in der Sache des Tsunamis – für die allermeisten durch Medienberichte – gegeben ist, bringt Geschichte nicht nur näher, bildet vielmehr bis zu einem gewissen Grad sogar die Folie für ein Verständnis; und im Fall des Tsunamis berührt es besonders, wenn man in der heutigen Lektüre des Thukydideskapitels – also der Zukunft aus der Perspektive des Historikers – eigenes Erfahren gewissermaßen auch als Reflex von Vergangenem erfährt. Thukydides begegnet dabei als derjenige, an dem auch in nuce, an einer kleinen Szene der Menschheitsgeschichte, zu erkennen ist, wie er das eigene Urteil stets als Suche nach Wegen des Denkens um angemessene Denkformen und Denkgrundlagen begreift. So lässt es sich gut reflektieren über Natur, Geschichte und Wissenschaft und über die Frage, woraus Menschen was vielleicht – oder eher auch nicht? – lernen.*


* Ein offenbar noch gewaltigeres Erdbeben mit Tsunami vernichtete im Jahre 373 v. Chr. die bedeutende Stadt Helike an der Nordküste der Peloponnes. Darüber berichten zahl­reiche Quellen von Strabon (8.7.2) über Pausanias (7.24.5 ff.) und Diodor (15.48) bis hinzu Aelian (Über die Tiere 15.48). Seit 2000 wird Helike ausgegraben, vgl. http://www.helike.org und http://www.eliki.de.vu; außerdem http://www.rita-hillert.de/helike.htm (2004; zuletzt neu verifiziert 7/2012).

Ergänzung Nov. 2008: Nach neuesten Forschungen und daraus abgeleiteten Thesen soll die Stadt Helike nicht infolge eines Tsunami untergegangen, sondern aufgrund seismischer Bewegungen ins Meer abgeerutscht sein.

 

 

Thukydides III 89

Τοῦ δ' ἐπιγιγνομένου θέρους Πελοποννήσιοι καὶ οἱ ξύμμαχοι μέχρι μὲν τοῦ ᾿Ισθμοῦ ἦλθον ὡς ἐς τὴν ᾿Αττικὴν ἐσβαλοῦντες, ῎Αγιδος τοῦ ᾿Αρχιδάμου ἡγουμένου Λακεδαιμονίων βασιλέως, σεισμῶν δὲ γενομένων πολλῶν ἁπετράποντο πάλιν καὶ οὐκ ἐγένετο ἐσβολή. Καὶ περὶ τούτους τοὺς χρόνους, τῶν σεισμῶν κατεχόντων, τῆς Εὐβοίας ἐν ᾿Οροβίαις ἡ θάλασσα ἐπανελθοῦσα ἀπὸ τῆς τότε οὔσης γῆς καὶ κυματωθεῖσα ἐπῆλθε τῆς πόλεως μέρος τι, καὶ τὸ μὲν κατέκλυσε, τὸ δ' ὑπενόστησε, καὶ θάλασσα νῦν ἐστὶ πρότερον οὖσα γῆ· καὶ ἀνθρώπους διἐφθειρεν ὅσοι μὴ ἐδύναντο φθῆναι πρὸς τα μετέωρα ἀναδραμόντες. Καὶ περὶ ᾿Αταλάντην τὴν ἐπὶ Λοκροῖς τοῖς ᾿Οπουντίοις νῆσον παραπλήσια γίγνεται ἐπίκλυσις, καὶ τοῦ τε φρουρίου τῶν ᾿Αθηναίων παρεῖλε καὶ δύο νεῶν ἀνειλκυσμένων τὴν ἑτέραν κατέαξεν. Ἐγένετο δὲ καὶ ἐν Πεπαρήθῳ κύματος ἐπαναχώρησίς τις, οὐ μέντοι ἐπέκλυσέ γε· καὶ σεισμὸς τοῦ τείχους τι κατέβαλε καὶ τὸ πρυτανεῖον καὶ ἄλλας οἰκίας ὀλίγας. Αἴτιον δ' ἔγωγε νομίζω τοῦ τοιούτου, ᾗ ἰσχυρότατος ὁ σεισμὸς ἐγένετο, κατὰ τοῦτο ἀποστέλλειν τε τὴν θάλασσαν καὶ ἐξαπίνης πάλιν ἐπισπωμένην βιαιότερον τὴν ἐπίκλυσιν ποιεῖν· ἄνευ δὲ σεισμοῦ οὐκ ἄν μοι δοκεῖ τὸ τοιοῦτο ξυμβῆναι γενέσθαι.

Übersetzung

Im darauffolgenden Sommer gelangten die Peloponnesier und ihre Verbündeten bis zum Isthmos, um nach Attika einzufallen; Agis, der Sohn des Archidamos, führte sie an, der König der Lakedaimonier. Da aber viele Erdbeben ausbrachen, kehrten sie wieder um, der Einfall fand nicht statt.

Ebenfalls um diese Zeit herum, während die Erdbeben anhielten, zog sich in Orobiai auf Euboia das Meer vom damals vorhandenen Land zurück, türmte sich zu einer Woge auf und brach über einen Teil der Stadt herein; dabei spülte diese sie teils fort, teils senkte sie sie ab, und Meer ist jetzt, was vorher Land war. Auch Menschen vernichtete sie, soweit diese nicht rechtzeitig zu den höher gelegenen Bereichen hinauflaufen konnten.

Ebenso ereignete sich eine Überflutung um Atalante herum, die nahe bei Lokroi Opuntioi gelegene Insel; sie zog den Stützpunkt der Athener in Mitleidenschaft und zerstörte eines von zwei an Land gezogenen Schiffen. Auch auf Peparethos erfolgte ein Zurückweichen der Wassermassen, doch sie wogten nicht zurück. Außerdem warf ein Erdbeben ein Stück Stadtmauer um, dazu das Rathaus sowie ein paar andere Häuser.

Die Ursache dafür liegt meines Erachten in dem Erdbeben, wo es am stärksten war: Dort drängte es das Meer zurück und bewirkte, indem dieses sich plötzlich zurück- und zusammenzog, die anschließend umso heftigere Überflutung. Ohne ein Erdbeben denke ich nicht, daß es zu einem solchen Ereignis kommen kann.

Übersetzung: Helmut Schareika

Dieser Aufsatz erschien in: Der altsprachliche Unterricht 2005, Heft 6, S. 62f.

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